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„Verratene Symbiose?" überschrieben wir einen Fragenkatalog, mit dem wir im vorigen Heft indirekt das auf diesen Seiten folgende Interview ankündigten. Immer häufiger verschaffen sich in den Medien Nachrichten einen Platz, aus denen ein weltweit einsetzendes Bienensterben hervorgeht. Vor allem Industrieländer sind davon betroffen. Voran die USA, aber auch Deutschland. Allein im süddeutschen Raum - in der Oberrheinebene und in einigen Gegenden Bayerns - gingen vergangenes Jahr zwölftausend Bienenvölker zugrunde. Wie wir aus Imkerkreisen erfuhren, waren offizielle Stellen sehr schnell dabei, die Haupt- oder gar die ausschließliche Ursache dafür einem Befall mit der Varroa-Milbe zuzuschreiben. Bienenzüchter jedoch vermuteten schon seit Jahren, dass für die Schwächung und das Sterben der Honigbienen weit mehr die Zunahme von Umweltbelastungen aller Art verantwortlich ist. Ihre Warnungen indes wurden entweder in den Wind geschlagen oder aber zumindest sehr ungern gesehen. Dann aber ließen sich - zumindest in diesem Fall - die Tatsachen nicht mehr verbiegen oder verschweigen.
So bestätigte das Landwirtschaftsministerium von Baden-Würtemberg im Januar 2009 einen Bericht, dem zufolge diese zum Glück noch begrenzte Katastrophe doch auf die Vergiftung der Bienen mit einem Pestizid zurückzuführen ist. Nun ist dessen Zulassung in Deutschland zunächst widerrufen worden. Eine Reihe technischer Maßnahmen soll die Anwendung dieses Giftes aber offenbar wieder unbedenklich machen. All das veranlasste beispielsweise die „Berliner Zeitung", am 27. Januar ihrem ausführlichen Beitrag zu dieser Angelegenheit die Schlagzeile „Ohne Angst ins Frühjahr" zu geben. Untertitel: „Imker atmen auf: Die Ursache für den rätselhaften Bienentod ist gefunden und beseitigt". Ist dieser Optimismus berechtigt? Hierüber und über die zunehmenden Sorgen der Imker sprachen wir mit dem Präsidenten der Europäischen Berufsimkervereinigung Walter Haefeker in Seeshaupt am Starnberger See.
Walter Haefeker: Ich würde Ihre Frage allzu gern bejahen, und das derzeitige und längst überfällige Verbot des fraglichen Pestizids Clothianidin kann ich nur begrüßen. Dennoch ist es gleichsam ein Tropfen auf den heißen Stein. In Deutschland werden immer wieder Chemikalien zugelassen, die in europäischen Nachbarländern wegen nachgewiesener Bienenschäden verboten sind.
Das bestreitet auch niemand. Aber wir dürfen doch nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wenn beim chemischen Pflanzenschutz Wirkstoffe gegen Insekten eingesetzt werden, befinden sich unsere Honigbienen, aber auch Wildbienen, Hummeln oder Schmetterlinge, die ja alle ebenfalls Insekten sind, immer mit in der Schusslinie. Es ist äußerst schwierig, Wirkstoffe zu finden, die ausschließlich die Schädlinge attackieren. Gerade die aber entwickeln oft recht schnell Resistenzen. Das heißt, die Gifte wirken bei ihnen bald nicht mehr und müssen durch neue ersetzt werden.
Aktuell beschäftigen uns vor allem die Neonicotinoide. Hierbei handelt es sich um eine Gruppe von Insektiziden, die als Nervengift wirken und dermaßen toxisch sind, dass nur wenige Gramm davon ausreichen, um einen Hektar Anbaufläche damit zu behandeln. Gegenüber der Öffentlichkeit wird dies immer gern als Fortschritt dargestellt. Die Aufwandmengen beim Pflanzenschutz, so sagt man, seien also zurückgegangen. Dieses Argument macht aber vergessen, dass die Wirkstoffe entsprechend giftiger sind. Für die Bienen sind sie also nach wie vor sehr gefährlich.
Nein, das nicht. Aber man behauptet, es ließe sich durch bestimmte Maßnahmen verhindern, dass Bienen mit diesen Wirkstoffen in Kontakt kommen. Anstatt das Insektizid auf die Pflanzen zu spritzen, wird deshalb das entsprechende Saatgut damit gebeizt. Auf diese Weise ist das Gift mit der Aussaat tatsächlich erst einmal in der Erde verschwunden und außer Reichweite der Bienen. Sojedenfalls sehen es die Vorschriften vor, weshalb man die Wirkstoffe auch zugelassen hat.
So ist es leider. Wir Imker beobachten das schon seit Jahren, und zwar weltweit. Es konnte nämlich nachgewiesen werden, dass es entgegen den Annahmen der Zulassungsbehörde zahlreiche Wege gibt, auf denen die Bienen dennoch in Kontakt mit den Beizmitteln kommen. Betroffen sind aber, wie gesagt, nicht nur die Bienen, sondern viele andere für das ökologische Gleichgewicht wichtige Insekten.
Abrieb und Staub beispielsweise, der in den Sämaschinen anfällt, driftet auf andere Flächen.Verlorenes Saatgut am Feldrand und im Wendebereich der Maschinen fuhrt selbst bei einzelnen Körnern zu hohen Konzentrationen des Wirkstoffs in Tautropfen und Pfützen, an denen Bienen Wasser holen. Starke Regenfälle führen zu einem Aufschwemmen des Saatgutes und damit auch des Giftes. In diesen Fällen sind die Wasserholerinnen der Bienenvölker betroffen.
Nur viel zu häufig. Aber auch wenn man das verharmlosend als Ausnahmen deklarieren wollte, können wir selbst die angestrebte Regel nicht akzeptieren. Denn bei ganz normalem Wachstum bleibt das Gift der Beize nicht beim Samen, sondern wird von der ganzen Pflanze aufgenommen. Es findet sich dann auch in Nektar und Pollen wieder, wodurch wiederum die Bienen mit ihm in Kontakt kommen. Neueste Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass im so genannten Guttationswasser, also in der Feuchtigkeit, die die Pflanzen ausscheiden, sogar extrem hohe Konzentrationen solcher Pflanzenschutzmittel auftreten können.
Letzten Endes ist die Wirkung der Neonicotinoide für sie tödlich. Aber schon lange vorher werden bei den betroffenen Bienen schwere Verhaltensstörungen ausgelöst. Schließlich haben diese staatenbildenden Insekten ein hoch entwickeltes und äußerst kompliziertes Verhaltensmuster, was auf diese Nervengifte besonders empfindlich reagiert. Interessanterweise wirbt Bayer in den USA damit, dass beispielsweise der Impfstoff Imidacloprid bereits in geringen Konzentrationen das Sozialverhalten von Termiten so stark stört, dass die Kolonie zusammenbricht. Bei den Bienen aber leugnet man genau eine solche Wirkung.
Chemische Stoffe, mit denen unsere Bienen in Berührung kommen können, müssten unbedingt bereits vor ihrer Zulassung auf Bienenschädlichkeit hin geprüft werden. Dabei sind möglichst alle Expositionswege zu berücksichtigen, d. h. alle Kontaktmöglichkeiten.
Nein. In sehr vielen Fällen eben nicht! Oder sagen wir es so: Es ist leider noch nicht die Regel. Vieles wird als harmloser definiert, als es in Wirklichkeit ist. Dies nicht nur im Vorfeld eines Chemikalien-einsatzes, sondern auch dann, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Wenn es, was leider immer wieder passiert, im Nachhinein doch zu toxischen Wirkungen kommt, dann darf es künftig wenigstens kein "Tauziehen" mehr geben. Dann muss immer sofort gehandelt werden. Das gilt besonders auch für die häufigeren subletalen Effekte.
Mit subletalen Effekten bezeichnen wir jene Schädigungen, die nicht oder noch nicht zum Tode der Bienen fuhren. Die werden oft völlig unterschätzt. Dazu gehören Verhaltensstörungen ebenso wie die allgemeine Schwächung der Immunabwehr, also der Widerstandsfähigkeit der Bienenvölker gegenüber Krankheiten, auch gegenüber der oft für den Alleinschuldigen gehaltenen Varroa-Milbe. Die wirtschaftlichen Verluste, die dadurch den Imkern und Landwirten entstehen, sind beträchtlich, vom Schaden für die Umwelt gar nicht zu reden.
Wenn wir nicht wollen, dass unsere Kulturlandschaft bienenfeindlich wird, muss die industrielle Landwirtschaft wieder bäuerlich, regional und vor allem ökologisch werden.
Sehr unterschiedlich. Wir haben nicht wenig außerordentlich engagierte Wissenschaftler, deren Arbeit von mir und meinen Kollegen sehr geschätzt wird. Aber leider scheint es an einem Chemiestandort wie Deutschland deutlich schwerer zu sein, in diesem Bereich unabhängig zu forschen und uns Imker mit den notwendigen Informationen zu versorgen. Es gibt eben eine zu enge Verflechtung von Wirtschaftsinteressen, Forschung und Behörden. Firmen wie Bayer, BASF, Syngeta usw., die ja auch die entsprechenden Forschungsvorhaben finanzieren, verdienen an den von ihnen hergestellten Giften Milliarden. Da versteht es sich nahezu von selbst, dass sie gar kein Interesse daran haben, die Gefahren aufzudecken, die von ihren Produkten für Mensch, Tier und Umwelt ausgehen.
Wie gesagt, wir haben durchaus Einzelne unter den deutschen Bienenwissenschaftlern, die an die Frage mit der gebotenen wissenschaftlichen Neutralität herangehen und auch die Beobachtungen der Imker mit berücksichtigen. Aber in Vielem sind wir auch auf die Vernetzung mit anderen europäischen Imkerkollegen angewiesen und oft auf Forschungsergebnisse aus den Nachbarländern.
Ja, wenn „von oben" die Sache nicht in die richtige Richtung gehen will! So gab es bereits 2002 beispielsweise eine Fachtagung, auf der italienische Wissenschaftler die Bienengefährlichkeit von Beizmittel-staub aufzeigten. (Wir sprachen eben von dieser Chemikalie.) Damals nahmen nicht nur deutsche Bienenwissenschaftler daran teil, sondern auch ein Vertreter der Zulassungsbehörde und sogar ein Beauftragter von Bayer Crop Science. Es wurden jedoch keine Konsequenzen gezogen. Auch in den Folgejahren nicht, obwohl es im „Bulletin of Insectology" mehrere Veröffentlichungen dazu gab und die Italiener immer eindringlicher warnten.
Ja, weil sie gar nicht darüber informiert wurden. Zu keinem Zeitpunkt wurden sie über diese Diskussionen unterrichtet. Ihre eigenen Beobachtungen über Bienenverluste in der Umgebung gebeizter Kulturen wurden immer wieder als Unsinn abgetan. Ja, in der Regel war es bisher so, dass für Bienenschäden uns Imkern die Schuld in die Schuhe geschoben wurde. Wir hätten unsere Bienen angeblich falsch gehalten. Erst wenn sich die Zusammenhänge zwischen den Schädigungen und den eingesetzten Giften partout nicht mehr leugnen ließen, dann gab man sie zu. So war es eben bei dem katastrophalen Bienensterben in der Oberrheinebene, das Sie eingangs erwähnten.
Na sicher, aber das Eingeständnis kam reichlich spät! Und die Konsequenzen sind halbherzig. Wenn wir eine unabhängige und methodisch korrekte Risikoforschung hätten, könnte so etwas nicht passieren. Aber für die Karriere einiger deutscher Bienenwissenschaftler schien es opportun zu sein, sich lieber an einer Medienkampagne der Pflanzenschutzmittel-Hersteller zu beteiligen, in der die Öffentlichkeit davon überzeugt werden sollte, dass einzig und allein die Varroa-Milbe für die Bienenverluste verantwortlich ist. Leider muss ich in diesem Zusammenhang auch das so genannte „Deutsche Bienenmonitoring" kritisieren, eine Einrichtung, die - wenn es denn nicht besagte Interessenkonflikte gäbe - den Imkern sehr von Nutzen sein könnte.
Doch. Ich glaube schon! Nach den schlimmen Ereignissen des vergangenen Jahres und nach intensiven Gesprächen über die Rolle der Bieneninstitute in unserem Lande sind nun auch völlig neue und etwas differenzierte Töne zu hören. Warten wir es ab! Noch haben wir keinen Grund, in unseren Anstrengungen nachzulassen.
Oberflächlich betrachtet mag man zu diesem elegant klingenden Schluss kommen. Die Sache hat aber einen Haken: Die betreffenden Pflanzen werden gentechnisch mit dem Ziel verändert, dass sie nun selbst die insektentötenden Substanzen produzieren. Ähnlich wie es sich bei der erwähnten Beizung verhält, können diese Wirkstoffe in alle Pflanzenteile, einschließlich der Pollen, gelangen. Das kann die Bienen, die diese Pflanzen bestäuben, ebenfalls gefährden.
In der Praxis lässt sich der Kontakt nur schwer vermeiden. Wir können ja keine hohen Mauern errichten. Der Flugkreis eines Bienenvolkes beträgt immerhin bis zu zehn Kilometer. Angesichts dieser Tatsache ist es geradezu lächerlich, wenn die Öffentlichkeit seitens der Gen-Saatgutindustrie damit beruhigt werden soll, dass sich im näheren Umkreis von derartigen Anbauflächen kein Imker befinde. Auch besteht immer die Gefahr der Auskreuzung auf Wildkräuter, das heißt, die Kette der „Übertragungen" ist überhaupt nicht im Blick zu behalten.
Andererseits, und darauf möchte ich ebenfalls aufmerksam machen, gibt es keinerlei vorgeschriebene Sicherheitsabstände zu Bienenständen. Die zuständigen Politiker empfehlen den Imkern sogar, mit ihren Bienenvölkern wegzuwandern und die in der Nähe besagter Flächen befindlichen Standplätze zu verlassen. Das käme einer Vertreibung gleich und schadete nicht nur den Imkern, sondern auch den konventionell und ökologisch •wirtschaftenden Bauern, die auf Bestäubungsleistungen angewiesen sind. Auch der Bundesrat verabschiedete 2007 eine Entschließung, in der die Bundesregierung wegen der fehlenden Schutzvorschriften für die Imkerei gerügt wurde. Leider blieb die Aufforderung, entsprechende Regelungen für die Imkerei zu treffen, folgenlos.
Chemikalien, mit denen unsere Bienen in Berührung kommen, müssten bereits vor ihrer Zulassung auf Bienenschädlichkeit hin geprüft werden.
Zum Glück haben wir es - auch dank einer kritischen Öffentlichkeit - erst mit den Anfangen dieser Technik zu tun. Vielleicht setzt sie sich gar nicht durch, wenn der Kunde keine genmanipulierten Produkte kauft und keine solchen Nahrungsmittel auf seinem Teller haben möchte.
Da bin ich nicht so optimistisch. Was Gewinne verspricht, hat sich allemal den Weg frei gemacht. Jedenfalls bis zur ersten Katastrophe. Manchmal auch noch länger. Wir haben es bei der grünen Gentechnik ja nicht nur mit jenen Pflanzen zu tun, die irgendwann auf unserem Teller landen. Man züchtet bereits gentechnisch manipulierte Pappeln und Tabakpflanzen, die ebenso durch unsere Bienen bestäubt werden. Zudem arbeitet die Gentechnikindustrie bereits an Pflanzen, die auf die Produktion pharmazeutischer Wirkstoffe programmiert werden. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Imker -ohne es zu wissen - solche Stoffe in ihren Bienenprodukten haben. Wie heißt es so schön? „Wehret den Anfängen!"
Nur gelegentlich. Dieses Thema hat im Vergleich zu den Problemen, die sich aus der intensiven Landwirtschaft ergeben, noch keinen hohen Stellenwert. In Berufsimkereien wird das Mobilfunknetz in Verbindung mit Funkwagen teilweise zur Beobachtung der Trachtentwicklung und der Wetterbedingungen an entfernten Bienenständen genutzt. Nachteilige Effekte sind von uns bisher nicht beobachtet worden.
Nein. Das kann ich schon deshalb nicht, weil sich die Bienenstände sehr oft in abgelegenen Gebieten mit schwacher Abdeckung durch Mobilfunknetze befinden. Wir wissen also noch viel zu wenig. Deshalb will ich andererseits auch nicht den Teufel an die Wand malen. Allerdings: Immer dann, wenn man die Unbedenklichkeit von Produkten beschwört, mit denen sich viel Geld verdienen lässt, ist gesundes Misstrauen geboten. Zumindest aber Vorsicht. Das haben uns die Erfahrungen mit Pflanzenschutzmitteln und mit der Gentechnik gelehrt. Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft sind deshalb nach wie vor unsere Hauptsorgen.
Aus der Sicht der Imker ist die Sache eigentlich klar: Beides hat keine Zukunft. Wenn wir -wirklich verhindern wollen, dass unsere Kulturlandschaft zunehmend bienenfeindlich wird - mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen - dann müssen wir Schritt um Schritt unsere intensive industrielle Landwirtschaft wieder durch eine kleinstrukturierte regionale ersetzen. Sie muss wieder bäuerlich sein und vor allem ökologisch.
Natürlich ist die Arbeit der Imker - wie die anderer auch - zum großen Teil Broterwerb. Und wir machen keinen Hehl daraus, dass wir uns in unserer Existenz bedroht fühlen. Die Imkerei ist in Deutschland in den letzten Jahren stark rückläufig. Die Deutschen sind zwar Weltmeister im Honigkonsum, aber 80 Prozent dieses Honigs kommen inzwischen aus Importen. Deutscher Honig ist nach wie vor hoch geschätzt, aber - und ich möchte das bewusst wiederholen - die Imkerei hierzulande wird wegen der objektiven Bienenfeindlichkeit unserer che-misierten und intensivierten Landwirtschaft immer mehr „ausgedünnt". Wir sind jedoch nicht der Meinung, dass die Landwirtschaft einen Rechtsanspruch auf beliebige Kontamination unserer Bienenprodukte hat.
Ja, diese Hilfe fordern wir auch ein. Auch wir Imker haben ein Grundrecht auf den Schutz unseres Eigentums. Die derzeitige Gesetzgebung kann uns das aber nicht hinreichend garantieren. Die Politik sollte Deutschland nicht vorrangig als einen Chemiestandort ansehen, sondern dafür sorgen, dass wir auch auf diesem Gebiet wieder eine funktionierende Demokratie erleben können. Wir möchten durchaus anerkennen, dass es in letzter Zeit von Seiten der Politik neue Töne gibt. So wird in Gesetzestexten der Bienenflug nun ausdrücklich als erwünscht und natürlich erwähnt. Dennoch fühlen wir uns z.B. im Hinblick auf die Zulassungskriterien für Chemikalien und die Gentechnik bei weitem noch nicht genug ernst genommen und viel zu schwach vertreten.
Ja. Die Zulassungsbehörden in Frankreich z. B. sind wesentlich strenger. In Dänemark und Griechenland, Lettland und vor allem in Malta ist der Staat jeweils sehr bienenfreundlich. Fast alle EU-Staaten um uns herum haben inzwischen die einzige zum kommerziellen Anbau zugelassene Genmais-Sorte MON810* konsequent verboten. Dort wird eben nicht so wie bei uns mit nur vorübergehenden Vermarktungsverboten operiert, die letzten Endes den Anbau immer wieder aufs Neue ermöglichen.
Wenn nicht, werden sie passend gemacht. Leider ist das kein Witz. Die Gentechnik ist tatsächlich ernsthaft dabei, die „schöne neue Welt" zu realisieren .Während die Imker mit konventionellen, also natürlichen Methoden bereits seit über hundert Jahren Bienen züchten, die eine ertragreichere Imkerei ermöglichen, sieht sich die Gentechnik jetzt durch die 2004 erfolgte Entschlüsselung des Genoms der Honigbiene bald in der Lage, eine gentechnisch veränderte Biene zu schaffen, die gegen die Gefährdungen durch Pestizide und genveränderte Pflanzen ihrerseits resistent ist.
So könnte man es nennen. Unter anderem mit dem Ergebnis, dass die Imker dann jedes Jahr beispielsweise bei Monsanto oder Bayer lizensierte Königinnen kaufen müssen, da die eigene Nachzucht entweder verboten oder unmöglich ist.
*** Anmerkung der Redaktion: MON 810 wurde inzwischen von Verbraucherministerin Aigner verboten.
Ja. Aber das ist natürlich Unsinn. Imker sind sehr aufgeschlossen gegenüber Neuerungen. Doch nicht überall, wo Fortschritt drauf steht, ist auch Fortschritt drin. Die so genannten Derivate unseres derzeit in die Krise geratenen Finanzsystems beispielsweise wurden noch vor wenigen Jahren als großer Fortschritt gepriesen. Gentechnisch veränderte Pflanzen sind eine Art Derivate unserer traditionellen Kulturpflanzen. Nach meinen Erfahrungen in Berlin und Brüssel handelt es sich bei diesem „Fortschritt" um eine ähnlich explosive Mischung aus Gier und Korruption. Nur könnte uns die an einem Punkt treffen, der noch fundamentaler ist als das Geld - nämlich unsere Nahrung!
Ich weigere mich, immer alles in Geldwert auszudrücken, obwohl man das auch in unserem Fall überzeugend machen könnte. Wir produzieren immerhin noch 20.000 Tonnen Honig im Jahr, abgesehen von den vielfältigen Nebenprodukten wie Wachs, Pollen, Propolis und Gelee Royale. Aber der volkswirtschaftliche Nutzen der Imkerei allein durch die Bestäubung der Kultur- und Wildpflanzen wird derzeit auf das Zehnfache der Honigproduktion geschätzt. Nach Angaben der Welternährungsorganisation hängen rund 35 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion von Bestäubern ab. Und die Bienen spielen dabei die entscheidende Rolle.
Ich denke nicht! Wir dürfen nicht vergessen. Pflanzen und Bienen haben 50 Millionenjahre Ko-Evolution hinter sich und sind optimal einander angepasst. Und wir Menschen brachten uns über Jahrtausende hinweg in dieses Zusammenspiel ein. Schauen Sie sich doch unsere heutige Landwirtschaft genau an! Wo einst blühende Landschaften für reichhaltige Bienenweide sorgten, steht der Imker heute mit seinen Bienen oft in einer Wüste...
Ja, wenn diese auch noch recht grün aussieht. Immerhin: Zwischenfrüchte fehlen und Beikräuter wie die Kornblume werden einfach weggespritzt. Nur der Löwenzahn kommt überhaupt noch durch. An den Landwirtschaftsschulen wird aber sogar schon gelehrt, dass eine Wiese, auf der der Löwenzahn blüht, bereits zu spät gemäht ist. So sorgt der moderne Landwirt für einen höheren Eiweißgehalt der Silage. Und wenn eine Wiese doch mal zum Blühen kommt und die Bienen einlädt, lässt der schnelle Kreiselmäher ihnen kaum eine Chance.
Ja, aber eines, was wir leider heute schon erleben können. Da brauchen wir die Zukunft nicht erst zu beschwören. Doch wenn wir verhindern wollen, dass es wirklich noch schlimmer kommt, dann müssen wir die Menschen darüber aufklären und dabei nicht müde werden. Wir brauchen eine Neuorientierung der Landwirtschaft. Ich bin mir sicher, davon würden nicht nur Imker, sondern auch Landwirte und Verbraucher profitieren.
Diesem Anliegen, Herr Haefeker, sollte auch unser Gespräch dienen.
Vielen Dank!
Walter Haefeker,Jahrgang 1961, bewirtschaftet seinen Wald und seine Bienen im oberbayerischen Fünf-Seen-Land. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich im Vorstand des Deutschen Berufsimkerbundes (DBIB) speziell mit Fragen der so genannten grünen Gentechnik. Wegen seiner langjährigen Auslandserfahrung gehörte er schon bald zu den Vertretern des DBIB auf europäischer Ebene und wurde 2008 zum Präsidenten der Europäischen Berufsimkervereinigung (EPBA) gewählt. Seine Zusammenarbeit mit Bienenwissenschaftlern und seine praktische Tätigkeit als Imker lassen ihn immer mehr davon erfahren, was wir von den Bienen über die Zusammenhänge in der Natur, aber auch über die in unserer Gesellschaft lernen können.