169

Die Biene ist blütenstetig

Biene auf Apfelblüte

Nach Zander sind unter 100 blütenbesuchenden Insekten: 73 Honigbienen, 21 Hummeln und einzeln lebende Hautflügler, 6 andere Insekten. Auf den Blüten eines Obstbaumes wurden sogar 88 Prozent Honigbienen festgestellt.

Die zahlenmäßige Überlegenheit spricht sich hierin deutlich aus.

Ferner wird die einzigartige Rolle der Biene als Blütenbestäuberin mit bedingt durch ihre „Blütenstetigkeit", eine Eigenschaft, die in gleicher Vollkommenheit bei keiner anderen Insektenart zu beobachten ist. Die Bienen besuchen ein und dieselbe Pflanzenart, solange sie dort Nektar oder Pollen finden. Diese Tatsache ist längst bekannt und wird erwiesen durch den gleichartigen Honig, der zur Blütezeit bestimmter wichtiger Trachtpflanzen eingetragen wird und noch augenscheinlicher durch die Höschen der Sammlerinnen, die zu über 90 Prozent aus nur gleichartigem, daher auch gleichfarbigem Pollen bestehen. Diese Stetigkeit bringt wohl den Bienen gewisse Vorteile, indem jede Trachtquelle auf diese Art systematisch und bis zur Neige und außerdem infolge der immer wiederholten Übung mit geringstem Zeitaufwand ausgenutzt wird. Vor allem aber ist sie für die Pflanzen von ganz unschätzbarem Wert, weil dadurch die Bestäubung der Narbe mit Pollen der gleichen Art gesichert ist, wodurch allein Befruchtung und Samenbildung zustande kommen kann.

Wie geht die Bestäubung vor sich?

Biene auf Rapsbluete

Wenn die Bienen im Frühjahr alle Blüten nach Honig und Blütenstaub durchstöbern, bestäuben sie sich mit dem letzteren den ganzen Körper, kleben Klümpchen an die Beine, und so ist es gar nicht anders möglich, als dass beim Besuch der nächsten Blüte männlicher Blütenstaub auf die weibliche Narbe übertragen wird. Von den Mandibeln wandern die feinen Pollenkörnchen über die Beine nach hinten und werden von außen in die Körbchen „getatscht" (nach Armbruster). Die Bestäubung ist naturgemäß abhängig vom Wetter und von der Entfernung der Bienenstände. Bei naßkalter Witterung fliegen die Bienen oft nur kurze Zelt und dann nicht sehr weit. Daher kommt es, dass in einzelnen Gegenden z. B. der Klee, die Obstbäume usw. keinen Samen, keine Früchte tragen, weil während der Blütezeit die Bienen entweder nicht fliegen konnten oder weil keine da waren.

Nach der Schweizerischen „Blauen" kommt auch Dr. Leuenberger auf dem Wege der genauen Beobachtung und Errechnung zu dem Resultat, dass schon ein einziges normalgroßes Bienenvolk täglich leicht 5 Millionen Blüten besuchen, also befruchten kann.

„Warum prangen die Blumen in schönen Farben? Warum sondern die Blumen Honigsaft ab? Warum duften die Blumen in lieblichen Gerüchen? Heute weiß die Wissenschaft auf alle diese Fragen exakte Antworten zu geben; denn das Rätsel jener Blumengeheimnisse ist gelöst und verständlich für jeden, den der Zauber des Blüten und Gerüche spendenden Frühlings noch erwärmt. Die Farbenpracht unserer Blumenwelt, Honigseim und Blütenduft sind keine Geheimnisse mehr, sondern lebendige Naturoffenbarungen, in jeder einzelnen Erscheinung überzeugend und bestätigend, als Gesamtphänomen erhebend und überwältigend; denn die Lösung dieses Rätsels ist das allmächtige Prinzip der Liebe, dasselbe Prinzip, dem in letzter Instanz alle höheren Lebewesen ihr Dasein verdanken."

Diese Sprache ist wohl deutlich für den, der im Buche der Natur zu lesen versteht. Für uns Bienenzüchter, Gärtner, Landwirte bedeutet es: Die Farbenpracht, der Nektar und der Wohlgeruch der Blüten locken Bienen, Hummeln usw. an, um den Blüten Nektar und Blütenstaub abzunehmen, um sodann durch den bestäubten Körper den Blütenstaub auf die Narbe der weiblichen Blüten zu deren Befruchtung zu übertragen.

Aus "Die neue nützlichste Bienenzucht" 19. Auflage 1955