Hornissen sind versierte Jäger, die auch wehrhafte Beutetiere wie Bienen und Wespen mühelos überwältigen. Oft im Flug gepackt, wird das Opfer umgehend zerstückelt. Mit den besten Teilen strebt die Hornisse dann heimwärts und verfüttert sie an ihre Brut. Sich bei ihren Jagdausflügen allzu dicht an einen Bienenstock heranzuwagen, ist für Hornissen allerdings nicht ratsam. Denn mit vereinten Kräften können sich die Bienen wirkungsvoll verteidigen. Hierbei kommen verschiedene Strategien in Frage. Die zyprische Honigbiene (Apis mellifera cypria) etwa setzt auf Tod durch Ersticken. Das haben unlängst Wissenschaftler um Alexandros Papachristoforou von der Universität in Thessaloniki und Gérard Arnold vom Laboratoire Evolution, Genome, Spéciation in Gifsur-Yvette herausgefunden.
Wenn sich eine orientalische Hornisse (Vespa orientalis) dem Stock gefährlich nähert, wird sie rasch von zahlreichen Bienen umringt. Diese bilden ein Knäuel und stoppen so die Angreiferin. Wie die Forscher herausfanden, wird es im Innern ordentlich warm. Die Temperatur im Knäuel steigt auf rund 44 ° Celsius („Current Biology", Bd. 17, S. R796). Doch mit Hitze allein wäre die gefangene Hornisse nicht zu bezwingen. Wie die zyprische Unterart der Honigbiene verträgt auch sie bis zu 50 ° C. Mit steigender Körpertemperatur beschleunigt sich aber der Stoffwechsel und damit auch die Atmung - und bei dieser setzt die Verteidigungsstrategie an.
Ähnlich wie andere große Insekten, Maikäfer zum Beispiel, atmen Hornissen mit pumpenden Bewegungen ihres Hinterleibs. Um verbrauchte Atemluft aus dem Körper zu pressen, aktivieren sie ihre Muskulatur derart, dass sich die Segmente ineinanderschieben. Wenn sich die Muskeln anschließend entspannen, dehnt sich der Hinterleib wieder aus. Über die Atemöffnungen strömt dann umgehend frische Luft in den Körper. Die Belüftung wird offenbar dadurch verhindert, dass sich die Bienen dicht um ihr Opfer drängen und sich der Hinterleib der Hornisse daher nicht ausdehnen kann. Schon nach wenigen Minuten bewegt sich die Angreiferin nicht mehr. Da die Bienen ihre Umklammerung erst nach etwa einer Stunde wieder lockern, lassen sie stets eine tote Hornisse zurück.
Von ihrem giftigen Stachel macht die zyprische Unterart der Honigbiene nur selten Gebrauch, ganz im Gegensatz zu ihren mitteleuropäischen Verwandten. Wenn sich die europäische Hornisse (Vespa crabro) einem Bienenstock nähert, wissen sich auch die hiesigen Honigbienen ihrer Haut zu wehren. Sie kesseln ebenfalls die Angreiferin ein, ersticken sie aber nicht, sondern bringen sie durch Gift ums Leben. Gewöhnlich stecken zwei bis drei Bienenstachel im Hinterleib einer auf diese Weise getöteten Hornisse.
Die japanische Variante der Indischen Honigbiene (Apis cerana japonica) hat noch eine andere Verteidigungsstrategie entwickelt. Wenn eine japanische Hornisse (Vespa simillima) an einem Bienenstock auftaucht, wird ihr derart eingeheizt, dass sie binnen einer halben Stunde zugrunde geht. In dem dichten Knäuel aus Bienenleibern der sich rasch um den Eindringling bildet, steigt die Temperatur auf bis zu 47 Grad. Die Bienen verkraften das ohne weiteres, nicht aber die japanischen Hornissen. Bei mehr als 45 Grad ereilt sie der Hitzetod. Ein giftiger Stachel wäre freilich ebenso wirksam: Wenn Völker der hiesigen Honigbiene in Japan angesiedelt werden, setzen sie sich auf diese Weise erfolgreich zur Wehr.
Frankfurter Allgemeine Zeitung 12. März 2008